Nervensystem regulieren - was bedeutet das wirklich?
„Du musst dein Nervensystem regulieren.“ Kaum ein Begriff wird derzeit so häufig in sämtlichen Social Media Kanälen verwendet wie Nervensystem regulieren. Doch was bedeutet das eigentlich? Ist unser Nervensystem aus dem Gleichgewicht geraten? Und wenn ja – wie kann man es sinnvoll unterstützen?
„Das geht mir auf die Nerven“ oder „das nervt mich“ – diese Redewendungen zeigen, wie eng wir Stress und Emotionen mit unserem Nervensystem verbinden. Doch Nerven sind weit mehr als bloße Stressanzeiger. Wer heute sein Nervensystem regulieren möchte, sollte zunächst verstehen, was dieses komplexe System eigentlich leistet – und warum es so zentral für Gesundheit, Wohlbefinden und emotionale Stabilität ist.
In diesem Beitrag erfährst du verständlich erklärt, was hinter dem Trendbegriff steckt – und warum gerade Düfte eine besondere Rolle spielen können.
Was ist das Nervensystem?
Um zu verstehen, was es heißt, das Nervensystem zu regulieren, müssen wir zunächst klären, was das Nervensystem überhaupt ist. Es handelt sich um ein hochkomplexes Kommunikationssystem aus: Gehirn, Rückenmark und Milliarden von Nervenzellen. Mit Hilfe unseres Nervensystems und unserer Sinnesorgane nehmen wir die Umwelt wahr und reagieren auf sie. Jede Reizaufnahme – sei es Berührung, ein Geruch, ein Geräusch oder ein Gedanke – löst elektrische und chemische Prozesse aus.
Im menschlichen Gehirn arbeiten rund 86 Milliarden Nervenzellen. Diese stehen in ständigem Informationsaustausch. Ohne diese hochkomplexen elektrochemischen Vorgänge könnten wir weder fühlen noch denken noch handeln. Nervenzellen sind daher echte „Kommunikationsmeister“.
Gemeinsam mit der Muskulatur bildet das Nervensystem die Grundlage für jede Bewegung, jede Reaktion und jede Anpassung an unsere Umwelt. Es steuert Gedanken, Emotionen, Bewegung, Atmung, Herzschlag, Verdauung und auch Hormonregulation.
Die Einteilung des Nervensystems
Man unterscheidet zwischen dem zentralen Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) und dem peripheren Nervensystem.
Einteilung des Nervensystems:
- Zentrales Nervensystem (ZNS): Das ZNS besteht aus Gehirn und Rückenmark. Hier werden Informationen verarbeitet, bewertet und koordiniert.
- Peripheres Nervensystem (PNS): Das PNS umfasst alle Nervenfasern, die unseren gesamten Körper durchziehen. Seine Aufgabe ist es, Informationen aus Körper und Umwelt an das ZNS weiterzuleiten. Von dort werden passende Reaktionen ausgelöst. Das periphere Nervensystem gliedert sich noch in das somatische und vegetative (autonome) Nervensystem.
Somatisches und vegetatives Nervensystem
Das somatische Nervensystem ist weitgehend willentlich steuerbar. Wenn du deine Hand hebst oder bewusst einen Schritt machst, geschieht das über dieses System. Es übermittelt sensorische Informationen wie Berührung oder Temperatur an das zentrale Nervensystem.
Das vegetative Nervensystem hingegen arbeitet unbewusst. Es reguliert lebenswichtige Grundfunktionen wie: Atmung, Blutdruck, Herzschlag, Stoffwechsel und Verdauung. Und genau hier setzt das Thema Nervensystem regulieren an.
Das vegetative Nervensystem - Aktivierung und Entspannung
Das vegetative Nervensystem arbeitet automatisch. Es reguliert lebenswichtige Prozesse, ohne dass wir bewusst eingreifen. Es besteht aus zwei Hauptanteilen:
Der Sympathikus – der Stressmodus
Bei Belastung oder Gefahr aktiviert er den Körper und dann steigt der Puls, die Atmung wird schneller, die Muskeln spannen an, Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet und auch die Verdauung wird gehemmt. Kurz gesagt: Der Körper ist im Überlebensmodus. Dieser Zustand ist kurzfristig sinnvoll – chronisch jedoch belastend.
Der Parasympathikus – der Regenerationsmodus
Er sorgt für Entspannung, eine gute Verdauung, Zellreparatur, Hormonbalance und trägt auch zur Immunsystem-Aktivierung bei. Der wichtigste Nerv dieses Systems ist der Vagusnerv. Eine gute „Vagus-Aktivität“ steht in enger Verbindung mit Stressresilienz. Wenn wir vom Nervensystem regulieren sprechen, meinen wir in der Regel: den Übergang vom dauerhaften Stressmodus zurück in den Regenerationsmodus.
Nervensystem regulieren bedeutet nun, diese beiden Systeme wieder in ein gesundes Gleichgewicht zu bringen.
Vegetative Dystonie – wenn das Gleichgewicht kippt
Der Begriff vegetative Dystonie beschreibt eine Fehlregulation des vegetativen Nervensystems. Wörtlich übersetzt bedeutet „dystonus“: fehlregulierte Spannung. Typische Symptome können Nervosität, Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Kopfschmerzen, zittrige Hände, Durchfall oder Verstopfung und sogar Krämpfe sein.
Wenn keine organische Ursache gefunden wird, spricht man häufig von einer somatoformen oder funktionellen Störung. Je nachdem, welches System überwiegt, zeigen sich unterschiedliche Symptome:
Sympathikus-dominant:
- Herzrasen
- erhöhter Blutdruck
- Nervosität
- Durchfall
Parasympathikus-dominant:
- niedriger Blutdruck
- kalte Hände und Füße
- Verstopfung
- Antriebslosigkeit
Oft spielen körperliche, seelische und soziale Faktoren zusammen. Belastende Emotionen wie Stress, Sorgen oder unverarbeitete Trauer können das Gleichgewicht dauerhaft verschieben. Bewegung wirkt bei vielen Betroffenen stabilisierend, ebenso gezielte Entspannung, wie z.B. Meditation.
Die Rolle der Ernährung – warum Fette für das Nervensystem essenziell sind
Das menschliche Gehirn besteht zu etwa: 60 % aus Fett, 30 % aus Protein und 10 % aus Kohlenhydraten. Eine funktionierende Reizweiterleitung ist ohne Fette nicht möglich. Ungesättigte Fettsäuren aus nativen Pflanzenölen bilden daher eine wichtige Grundlage für ein gesundes Nervensystem.
Unsere Zellen erneuern sich kontinuierlich – und bestehen aus dem, was wir ihnen zuführen. Ein langfristiger Mangel an hochwertigen Fettsäuren kann sich zeigen durch Müdigkeit, Konzentrationsschwäche, psychische Verstimmungen, depressive Tendenzen. Auch hier zeigt sich: Nervensystem regulieren beginnt bei der Basis.
Omega-3-Fettsäuren, insbesondere Alpha-Linolensäure, sind reichlich enthalten in:
- Leinsamenöl (ca. 53%)
- Hanfsamenöl
- Himbeersamenöl
Bereits kleine Mengen – z.B. 1 TL innerlich einnehmen – täglich können zur Versorgung beitragen und lassen sich gut in Müsli, Salate oder Smoothies integrieren.
Auch Gamma-Linolensäure, enthalten in Nachtkerzen– oder Borretschsamenöl, beeinflusst den Hormonhaushalt positiv und kann Stresshormone regulierend beeinflussen. Sie wird zudem bei Hauterkrankungen wie Neurodermitis eingesetzt.
Bewegung, Sauerstoff und Entspannung
Tägliche Bewegung – etwa 45 Minuten – fördert die Sauerstoffversorgung der Nervenzellen und unterstützt die Regulationsfähigkeit. Regulation entsteht nicht durch Vermeidung, sondern durch bewusste Aktivierung von Sicherheit und Erholung.
Ebenso wichtig sind:
- bewusste Entspannungsphasen
- ausreichend Schlaf
- ausgewogene Ernährung
- emotionaler Ausgleich
Ätherische Öle und das Nervensystem
Gerüche wirken direkt auf das limbische System – unser emotionales Zentrum – und damit unmittelbar auf das vegetative Nervensystem. Ätherische Öle können adaptogen wirken, also ausgleichend auf Sympathikus und Parasympathikus.
Bewährte Öle zur Unterstützung beim Nervensystem regulieren sind:
Je nach Auswahl können sie beruhigen, stabilisieren oder sanft aktivieren – immer mit dem Ziel, das innere Gleichgewicht zu fördern.
Akute Stressreaktion „Runterfahren“
Ziel ist es hier den Sympathikus zu dämpfen und den Parasympathikus zu aktivieren. Diese Duftmischung eignet sich für einen Roll-On (10ml) oder auch einen Riechstift. Verwendest du den Roll-On dann kannst du ihn auf die Handgelenke und das Brustbein auftragen; 5-10 ruhige Atemzüge nehmen.
- 4 Tropfen Lavendel
- 3 Tropfen Bergamotte
- 2 Tropfen Kamille römisch
Daueranspannung und innere Unruhe
Ziel hier ist die vegetative Balance zu finden und eine emotionale Stabilisierung. Dazu eignet sich am besten ein Massageöl, welches am Abend auf den Brustraum, Nacken und auch in die Füße einmassiert werden kann. Dieses Öl hilft gut bei mentaler Überlastung, Nervosität und einem „inneren Dauer-Alarm“.
- 30 ml Mandelöl
- 5 Tropfen Neroli
- 3 Tropfen Rosengeranie
- 3 Tropfen Sandelholz
Erschöpft aber überdreht
Hier geht es um die klassische Erschöpfung bzw. Müdigkeit, mit dem trotzdem nicht zur Ruhe kommen können. Ziel ist eine Regulation statt Sedierung. Diese Duftmischung eignet sich zur Raumbeduftung am frühen Abend durch einen Diffusor oder die Duftlampe, oder auch einen Roll-On (10ml) oder auch einen Riechstift.
- 3 Tropfen Lavendel
- 2 Tropfen Mandarine rot
- 2 Tropfen Atlaszeder
Vagus-Roll-On für Atemrituale
Ziel ist hier den Parasympathikus zu aktivieren. Idealerweise als Anwendung mit einem Roll-On. Diesen kannst du für eine Meditation verwenden oder als Ritual vor dem Schlafen gehen. Einfach auf den Solarplexus auftragen und 4 Sekunden einatmen und 6 Sekunden ausatmen.
- 2 Tropfen Lavendel
- 2 Tropfen Majoran
- 2 Tropfen Kamille römisch
