Kampferbaum

Der Kampferbaum: Ein Baum, drei ätherische Öle: Ravintsara, Ho-Blätter und Kampfer im Vergleich

Ravintsara, Ho-Blätter und Kampferöl könnten auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein. Ravintsara duftet frisch, klar und fast ein wenig nach Eukalyptus. Ho-Blätteröl besitzt dagegen einen weichen, blumig-holzigen Duft, während Kampferöl deutlich kräftiger, durchdringender und medizinischer riecht.

Trotz dieser Unterschiede stammen alle drei ätherischen Öle vom Kampferbaum. Auf den Etiketten findest Du dafür meistens die botanische Bezeichnung Cinnamomum camphora. In aktuellen botanischen Datenbanken wird die Pflanze teilweise unter dem anerkannten Namen Camphora officinarum geführt. Im Handel und in der Aromafachliteratur ist jedoch weiterhin überwiegend Cinnamomum camphora gebräuchlich. Der immergrüne Baum gehört zur Familie der Lorbeergewächse und stammt ursprünglich aus Ost- und Südostasien.

Wie kann ein einziger Baum aber drei so unterschiedliche ätherische Öle hervorbringen? Die Antwort liegt in seinen Chemotypen.

Was ist ein Chemotyp?

Ein Chemotyp ist keine eigene Pflanzenart. Es handelt sich vielmehr um eine chemische Variante innerhalb derselben Art. Pflanzen können äußerlich beinahe gleich aussehen und trotzdem ätherische Öle mit völlig unterschiedlichen Hauptinhaltsstoffen bilden.

Welche Stoffe eine Pflanze produziert, wird unter anderem von ihrer genetischen Ausstattung, dem Standort, dem Klima, der Bodenbeschaffenheit, dem Erntezeitpunkt und dem verwendeten Pflanzenteil beeinflusst.

Beim Kampferbaum ist diese chemische Vielfalt besonders ausgeprägt. In einer umfangreichen Untersuchung wurden die ätherischen Öle von 974 Kampferbäumen aus 35 Populationen analysiert. Dabei fanden die Forschenden unter anderem Chemotypen mit 1,8-Cineol, Linalool, Kampfer, Nerolidol und Selinenen als vorherrschenden Inhaltsstoffen. Auch die Ölausbeute und die Zusammensetzung unterschieden sich teilweise erheblich.

Für die Aromapraxis bedeutet das: Der botanische Pflanzenname allein reicht nicht aus. Auch der Chemotyp, das Herkunftsland, der verwendete Pflanzenteil und möglichst eine chromatografische Analyse gehören zu einer eindeutigen Beurteilung des Öls.

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Ravintsara – der cineolreiche Kampferbaum aus Madagaskar

Ravintsara wird überwiegend aus den Blättern und Zweigen des auf Madagaskar wachsenden Kampferbaums gewonnen. Die Blätter werden durch Wasserdampf- oder Wasserdestillation verarbeitet. Der wichtigste Inhaltsstoff ist 1,8-Cineol, auch Eucalyptol genannt.

Eine Untersuchung eines botanisch authentifizierten Ravintsaraöls ergab beispielsweise rund 63 Prozent 1,8-Cineol, 12 Prozent Sabinen und 7 Prozent α-Terpineol. Für typische Ravintsaraöle wurden Bereiche von etwa 50 bis 68 Prozent 1,8-Cineol vorgeschlagen. Kampfer ist in gutem madagassischem Ravintsaraöl normalerweise nur in sehr kleinen Mengen vorhanden.

Duft und Wirkung

Ravintsara duftet frisch, klar, krautig und leicht würzig. Durch den hohen Anteil an 1,8-Cineol wird das Öl vor allem mit folgenden Eigenschaften verbunden:

  • schleimlösend und auswurffördernd
  • entzündungsmodulierend im Bereich der Atemwege
  • aktivierend und konzentrationsfördernd
  • antimikrobiell
  • unterstützend bei Erkältungsbeschwerden
  • und noch einigem mehr – einen ganzen Beitrag zu Ravintsara findest du hier >>klick<<

Für isoliertes, pharmazeutisch aufbereitetes 1,8-Cineol gibt es klinische Untersuchungen bei Atemwegserkrankungen wie Asthma, COPD, Rhinosinusitis und akuter Bronchitis. Dabei wurden unter anderem schleimlösende und entzündungsmodulierende Wirkungen beobachtet. Diese Ergebnisse dürfen jedoch nicht direkt mit der Wirkung einiger Tropfen Ravintsaraöl gleichgesetzt werden: In den Studien wurden standardisierte Arzneimittel mit genau festgelegten Cineolmengen eingesetzt. In der Aromapraxis eignet sich Ravintsara vor allem für die zeitlich begrenzte Raumbeduftung, für Riechstifte sowie niedrig dosiert in Brust- und Rückenölen für Erwachsene.

Ho-Blätteröl – die linaloolreiche, sanfte Seite

Ho-Blätteröl stammt ebenfalls vom Kampferbaum, wird aber aus den Blättern des Chemotyps Linalool destilliert. Dieser Chemotyp kommt vor allem in China, Taiwan und angrenzenden Regionen vor.

Der Hauptinhaltsstoff ist Linalool, häufig mit Anteilen von etwa 80 Prozent oder mehr. Linalool gehört zur Gruppe der Monoterpenole. Es verleiht dem Öl seinen weichen, blumigen, leicht holzigen und rosenholzähnlichen Duft.

Gewusst? Ho-Blätteröl und Ho-Holzöl stammen zwar vom gleichen Chemotyp, sind aber nicht automatisch identisch. Ho-Blätteröl wird aus den Blättern gewonnen, Ho-Holzöl aus dem Holz. Die Blattdestillation ist aus ökologischer Sicht meist günstiger, weil der Baum zur Gewinnung der Blätter nicht gefällt werden muss. Dennoch sollte auch bei Ho-Blätteröl die genaue Zusammensetzung anhand einer Analyse kontrolliert werden.

Duft und Wirkung

Linaloolreiche Öle werden in der Aromapraxis vor allem wegen ihrer beruhigenden, ausgleichenden und hautfreundlichen Eigenschaften geschätzt. Ho-Blätteröl wird insbesondere eingesetzt:

  • bei innerer Unruhe und nervöser Anspannung
  • für entspannende Abendmischungen
  • zur sanften Raumbeduftung
  • in Hautpflege- und Massageölen
  • als duftende Begleitung bei emotionaler Überforderung
  • als Alternative zum ökologisch problematischen Rosenholzöl

Humanstudien mit inhaliertem Linalool weisen auf entspannende psychophysiologische Effekte hin, unter anderem auf Veränderungen von Stressparametern wie dem Cortisolspiegel. Das bedeutet jedoch auch hier nicht, dass jede traditionell genannte Wirkung von Ho-Blätteröl klinisch nachgewiesen ist. Untersucht wurde überwiegend der einzelne Inhaltsstoff Linalool oder ein anderes linaloolreiches Öl, nicht Ho-Blätteröl als eigenständiges therapeutisches Präparat.

Kampferöl – kräftig, durchdringend und nicht für jeden geeignet

Beim Kampferöl dominiert das Monoterpenketon Kampfer. Je nach Herkunft, verwendetem Pflanzenteil und Herstellung kann die Zusammensetzung stark schwanken.

Traditionell wurden Holz und andere Teile des Kampferbaums zerkleinert und mit Wasserdampf destilliert. Aus dem Rohdestillat konnten natürlicher Kampfer und verschiedene flüssige Fraktionen gewonnen werden. Deshalb ist die Bezeichnung „Kampferöl“ weniger eindeutig als Ravintsara oder Ho-Blätteröl.

Im Handel findet man unter anderem weißen Kampfer, weißes Kampferöl und kampferreiche ätherische Öle. Gelbe und braune Kampferölfraktionen können problematische Inhaltsstoffe wie Safrol enthalten und sind für die Aromapraxis nicht geeignet. Beim Kauf sind daher eine klare Deklaration, die Bezeichnung des Chemotyps sowie ein aktuelles Analysezertifikat besonders wichtig.

Duft und Wirkung

Kampfer besitzt einen sehr kräftigen, kühlenden, stechenden Duft. Auf der Haut erzeugt er zunächst häufig ein Kältegefühl, dem ein wärmender und durchblutungsfördernder Eindruck folgen kann. Kampfer beeinflusst verschiedene sensorische Rezeptoren und wirkt als sogenannter Gegenreiz: Der intensive Wärme- oder Kältereiz kann die Wahrnehmung leichter Muskel- und Gelenkbeschwerden vorübergehend überlagern. Kampferreiche Zubereitungen werden traditionell verwendet:

  • in Sport- und Muskelölen
  • bei Verspannungen
  • in durchblutungsanregenden Einreibungen
  • zur kurzfristigen Aktivierung bei Müdigkeit

Die wissenschaftliche Literatur beschreibt schmerzlindernde, juckreizstillende und gegenreizende Eigenschaften von Kampfer. Viele klinisch verwendete Produkte enthalten jedoch zusätzlich Menthol, Eukalyptusöl oder weitere Wirkstoffe. Daher lässt sich ihre Wirkung nicht immer eindeutig dem Kampfer allein zuschreiben.

Kampfer besitzt im Vergleich zu Ravintsara und Ho-Blätteröl das deutlich größere Risikopotenzial. Bereits kleine verschluckte Mengen können schwere Vergiftungen und Krampfanfälle verursachen. Kampferöl gehört deshalb weder in die innerliche Selbstanwendung noch unverdünnt auf die Haut.

Welches Öl passt zu welchem Zweck?

Ravintsara ist die naheliegende Wahl, wenn Du eine frische, klärende Begleitung für die Erkältungszeit oder für einen Riechstift suchst. Es ist jedoch kein automatischer Ersatz für Eukalyptusöl und sollte bei Kindern altersgerecht beurteilt werden.

Ho-Blätteröl passt besonders gut zu entspannenden, hautpflegenden und emotional ausgleichenden Mischungen. Es ist das sanfteste der drei Öle und lässt sich gut mit Lavendel fein, Bergamotte, Weihrauch oder sanften Zitrusölen kombinieren.

Kampferöl ist ein Spezialöl für gezielte, niedrig dosierte Anwendungen. Es gehört vor allem in fachlich zusammengestellte Muskel-, Sport- oder Erkältungsmischungen und ist kein universelles Öl für die Hausapotheke.

Wichtige Hinweise zur sicheren Anwendung

Alle drei ätherischen Öle sind hoch konzentriert und sollten für Hautanwendungen verdünnt werden. Sie gehören nicht in Augen, Ohren, Nase oder auf Schleimhäute und sollten nicht ohne medizinisch-pharmazeutische Begleitung eingenommen werden.

Bei Säuglingen und kleinen Kindern dürfen cineol- oder kampferreiche Öle nicht im Bereich von Gesicht und Atemwegen angewendet werden. Für Menschen mit Epilepsie, neurologischen Erkrankungen, ausgeprägtem Asthma sowie während Schwangerschaft und Stillzeit ist eine individuelle fachliche Beurteilung sinnvoll. Das gilt besonders für kampferreiche Produkte.

Beim Kauf solltest Du nicht nur auf den deutschen Namen schauen. Wichtig sind:

  • der vollständige botanische Name
  • der Chemotyp
  • das Herkunftsland
  • der verwendete Pflanzenteil
  • das Gewinnungsverfahren
  • eine aktuelle GC/MS-Analyse
  • eine eindeutige Chargennummer
Der Chemotyp entscheidet. Ravintsara, Ho-Blätter und Kampfer zeigen eindrucksvoll, warum in der Aromapraxis der botanische Name allein nicht genügt. Alle drei Öle stammen vom Kampferbaum – ihre Hauptinhaltsstoffe, Düfte, Wirkungen, Einsatzgebiete und Sicherheitsprofile unterscheiden sich jedoch erheblich. Ravintsara ist das frische, cineolreiche Atemwegsöl. Ho-Blätteröl ist die weiche, linaloolreiche Variante für Entspannung und Hautpflege. Kampferöl ist das kräftige Spezialöl für aktivierende und lokal durchblutungsfördernde Anwendungen. Der Kampferbaum bringt damit nicht einfach nur ein ätherisches Öl hervor. Er bildet – abhängig von Chemotyp, Standort, Pflanzenteil und Verarbeitung – mehrere vollkommen unterschiedliche Duft- und Wirkstoffprofile. Genau deshalb gehört der Chemotyp zu den wichtigsten Angaben auf jedem hochwertigen ätherischen Öl.
Rosina
Rosina J.
Autorin, Dipl. Aromapraktikerin

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