Innere Einnahme von ätherischen Ölen – sinnvoll oder zu riskant?
Die innere Einnahme von ätherischen Ölen kann unter bestimmten Umständen sinnvoll sein – sie ist jedoch ein wirklich sehr riskantes Thema. Sie gehört ausschließlich in erfahrene Hände, sollte nur kurzfristig, niedrig dosiert und unter fachlicher Begleitung erfolgen. Was definitiv nicht dazugehört: „Ein paar Tropfen ins Wasser“. Das ist nicht nur unprofessionell, sondern potenziell gefährlich. Aber leider sind derzeit diverse Social Media Kanäle voll mit solchen Empfehlungen von so manchen „Wellnessberatern“. Mit diesem Blogbeitrag hier möchte ich dich aufklären und dich auch vor unsachgemäßer Anwendung schützen. Bitte hinterfrage alles, was dir komisch vorkommt. Nur wirklich ausgebildete (mind. 300 Stunden Ausbildung) Experten dürfen eine innere Einnahme empfehlen.
Das Grundproblem: Extreme Konzentration und empfindliche Schleimhäute
Ätherische Öle sind sehr hochkonzentrierte Pflanzenessenzen. Ein einzelner Tropfen entspricht häufig der Wirkstoffmenge aus großen Mengen Pflanzenmaterial – teils dem 70- bis 100-fachen der ursprünglichen Pflanze. 1 Tropfen Pfefferminze entspricht 28 Tassen Pfefferminztee. Jetzt sei mal ehrlich, würdest du täglich 28 Tassen Pfefferminztee trinken?
Gibt man ätherische Öle (unverdünnt) in Wasser oder Tee, lösen sie sich nicht auf. Sie schwimmen als dünner Film oben und gelangen dadurch unverdünnt auf die Mund-, Rachen- und Magenschleimhaut. Die Folge kann ein erhebliches Reiz- und Verätzungsrisiko sein. Die innere Anwendung ist daher kein harmloser Wellness-Trend, sondern ein komplexer pharmakologischer Vorgang.
Zum Verständnis - der physiologische Ablauf im Körper
Werden ätherische Öle eingenommen, wirken sie systemisch. Die hochkonzentrierten Pflanzeninhaltsstoffe durchlaufen dabei mehrere Stationen:
Absorption:
Die lipophilen (fettlöslichen) Bestandteile werden im Magen-Darm-Trakt effizient aufgenommen. Aufgrund ihrer Membrangängigkeit können sie biologische Membranen rasch durchdringen.
Stoffwechsel (Metabolismus):
Über die Pfortader gelangen die Inhaltsstoffe direkt in die Leber. Dort erfolgt der sogenannte First-Pass-Effekt. Die Biotransformation geschieht maßgeblich über das Cytochrom-P450-Enzymsystem. Genau hier liegt ein wesentliches Risiko: Es besteht ein relevantes Wechselwirkungspotenzial mit Medikamenten.
Verteilung im Körper:
Die umgewandelten Stoffe gelangen über den Blutkreislauf in verschiedene Organe. Einige Komponenten, etwa Menthol oder 1,8-Cineol, können sogar die Blut-Hirn-Schranke überwinden und direkt auf das zentrale Nervensystem wirken.
Ausscheidung:
Die Ausscheidung erfolgt überwiegend über die Nieren. Ein Teil wird über die Lunge abgeatmet – weshalb bestimmte standardisierte Präparate bei Atemwegsinfekten eingesetzt werden.
Mögliche Applikationsformen bzw. Arten der inneren Einnahme
Falls du aber doch ätherische Öle innerlich anwenden möchtest, solltest du auch wissen wie. Denn die Art der Anwendung beeinflusst die Sicherheit und Verträglichkeit maßgeblich.
Einnahme auf Zucker, Sahne oder fettem Öl
Diese Form der Anwendung geht schnell, hierbei werden (bei gesunden Erwachsenen!) max. 1-2 Tropfen ätherisches Öl auf 1 Stk. Zucker, 1 TL Honig, Sahne oder auch 1 Esslöffel Pflanzenöl getropft. Die Anwendung sollte am besten vor dem Essen erfolgen und die Öle im Mund gut eingespeichelt werden. Im Buch Aromapraxis Heute ist diese Anwendung sehr gut beschrieben, dieses findest du hier >>klick<<.
Globuli, kleine Zuckerperlen
Es gibt Globuli oder kleine Zucker-Perlen, die mit ätherischen Ölen aromatisiert sind (also Duft und Aroma enthalten), aber diese sind nicht dasselbe wie homöopathische Arzneimittel und auch keine klassischen Heilmittel im medizinischen Sinn. Sie dienen eher dem Genuss und Wohlbefinden. Fertige gibt es z.B. hier >>klick<< Du kannst sie dir selber herstellen mit diesen Neutral-Globuli hier >>klick<<.
Pharmazeutische Kapseln
Bevorzugt werden standardisierte, oft magensaftresistente Kapseln. Sie schützen die empfindlichen Schleimhäute von Mund und Speiseröhre und sorgen dafür, dass das Öl erst im Darm freigesetzt wird. Es ist möglich die ätherischen Öle direkt in die Kapseln zu tropfen, bevorzugt sollten sie jedoch in Pflanzenöl verdünnt werden. Hier kann auch gut die Wirkung der Pflanzenöle berücksichtigt werden. Schwarzkümmelöl z.B. ist hilfreich bei Allergien wie Heuschnupfen, Sanddornfruchtfleischöl stärkt die Haut und das Immunsystem von Innen, … Genaueres zur Einnahme in Kapseln hat Eliane Zimmermann auf ihrem Blog geschrieben, dies kannst du hier >>klick<< nachlesen.
Aromaküche
Bestimmte ätherische Öle mit Lebensmittelzulassung werden zum Aromatisieren von Speisen verwendet. Honig, Joghurt oder Pflanzenöle wirken hier als Emulgatoren und verteilen das Öl fein. Dennoch bleibt auch hier eine korrekte Dosierung essenziell. Für die Aromaküche gelten spezielle Regeln, dies kann hier genauer nachgelesen werden.
Getränke
Die pure Zugabe zu Wasser ist problematisch, da ätherische Öle nicht wasserlöslich sind. Das Aufschwimmen führt zu lokalen Schleimhautschäden – diese Form ist daher klar abzulehnen. Eine bessere, sanftere Anwendung ist das Zufügen von Hydrolaten zu Getränken. Mehr dazu kannst du hier finden.
Wichtige Sicherheitsregeln und Risiken
Die therapeutische Dosis liegt meist bei 1–2 Tropfen, maximal 2–3-mal täglich. Eine Überdosierung kann zu Übelkeit, Kopfschmerzen, Schleimhautreizungen und sogar schweren Organschäden (Leber und Nieren) führen.
Qualität:
Verwendet werden dürfen ausschließlich 100 % naturreine ätherische Öle in BIO-, Arzneibuch- oder Lebensmittelqualität.
Kontraindikationen:
- Schwangere und Kinder sollten ätherische Öle grundsätzlich nicht innerlich einnehmen. Viele Öle wirken wehenfördernd oder können toxische Reaktionen wie Kehlkopfverkrampfungen auslösen.
- Keine Experimente durchführen bei Leber- und Nierenerkrankungen, Polypharmazie und in der Stillzeit.
Fachliche Begleitung:
Eine therapeutische Einnahme darf nur unter ärztlicher oder aromatherapeutischer Aufsicht erfolgen.
Wann ist eine innere Einnahme überhaupt sinnvoll?
Die ehrliche Antwort lautet: Nur selten – und nur unter klar definierten Bedingungen. Die innere Einnahme ätherischer Öle ist kein Alltagswerkzeug der Aromatherapie, sondern eine gezielte, medizinisch orientierte Maßnahme.
Bei bestimmten, klar definierten Indikationen:
Vor allem dann, wenn es standardisierte, zugelassene Fertigpräparate gibt, deren Wirksamkeit und Dosierung geprüft wurden.
Beispiele:
- Reizdarm & funktionelle Verdauungsbeschwerden: Enterisch beschichtete Pfefferminzöl-Kapseln können krampflösend wirken.
- Blähungen & Völlegefühl: Kombinationspräparate mit Kümmel- oder Pfefferminzöl werden eingesetzt.
- Angst & innere Unruhe: Lavendelöl in standardisierter Kapselform (z. B. Silexan) zeigt in Studien anxiolytische Wirkung.
- Atemwegsinfekte: Präparate mit 1,8-Cineol oder Myrtol werden zur Schleimlösung verwendet.
Wenn andere Anwendungsformen nicht ausreichen:
In der klassischen Aromatherapie wird zuerst geprüft, ob man das Ziel erreichen kann durch Inhalation, Kompressen, Bäder, … Erst wenn diese Wege nicht ausreichen oder pharmakologisch nicht zielführend sind, kommt eine innere Einnahme in Betracht.
Unter fachlicher Begleitung:
Innerliche Einnahme ist ratsam nur, wenn:
- eine klare Indikation vorliegt
- keine Kontraindikationen bestehen (Schwangerschaft, Kinder, Leber-/Nierenerkrankungen, Polypharmazie)
- Wechselwirkungen mit Medikamenten abgeklärt sind
- die Dosierung exakt festgelegt wird
- die Einnahme zeitlich begrenzt bleibt
Wann ist es nicht ratsam?
- Zur „Stärkung des Immunsystems“ auf Verdacht
- Als Detox- oder Lifestyle-Trend
- Bei Kindern
- In Schwangerschaft & Stillzeit
- Bei Leber- oder Nierenerkrankungen
- Bei dauerhafter Anwendung
- Pur in Wasser
Warum soviel Vorsicht?
Ätherische Öle sind hochkonzentrierte pharmakologisch wirksame Substanzen. Sie werden über die Leber metabolisiert (Cytochrom-P450-System) und können:
- Medikamente beeinflussen
- Schleimhäute reizen
- Organe belasten
neurotoxisch wirken (je nach Substanz)
Wenn doch: Mindest-Sicherheitsregeln
Leider ist es so, dass sich viele von Warnhinweisen nicht abhalten lassen. Generell gelten ja auch nicht alle Warnhinweise für jeden. Robusten Personen, bzw. gesunden Erwachsenen tut eine innerliche Einnahme oft nicht viel. Sensible Personen hingegen, vor allem Kinder, können wirklich schwere Reizungen davon tragen. Sollte nach fachlicher Abklärung bei dir eine innere Anwendung in Frage kommen, gelten folgende Mindeststandards:
- Nur ausdrücklich als lebensmitteltauglich deklarierte Öle welche auch für die innere Einnahme angegeben sind verwenden, wie z.B. diese hier von Vegaroma.
- Niemals pur in Wasser tropfen und dann einnehmen.
- Immer stark verdünnt in einem fetten Trägeröl (z. B. Oliven-, Mandel- oder Leinsamenöl) einnehmen.
- Idealerweise in magensaftresistenten Kapseln verwenden, bestenfalls sogar schon geprüfte und fertige Präparate.
- Mikrodosierung: 1 Tropfen in Trägeröl pro Kapsel, maximal 2–3-mal täglich.
- Nur für einen begrenzten Zeitraum und unter Begleitung anwenden!
